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Gallery » Arge Danzig, Rundschreiben 165 - Oktober, Nov. Dez. 1994 » Briefmarkenverkauf am Zoppoter Strand

ARGE DANZIG E.V.  -  -  Literaturbeilage 961
Arbeitsgemeinschaft zur Pflege und Erforschung der Danzig-Philatelie
Mitglied im VPhA des BDPh
Günter Deinert      Kasernenstraße 35       D 38102 Braunschweig       Juni 1994

Briefmarkenverkauf am Zoppoter Strand

"Danzigs Post auf dem Posten", schrieb eine deutsche Zeitung unter ein Bild des fliegenden Markenverkäufers vom Zoppoter Strand.

Niemand weiß heute, wer ihn erstmalig "den Fliegenden" genannt co hat.Vor drei Jahren wurde durch Anregung der provisorischen Postämter auf dem Reichsparteitag erstmalig ein Postbeamter mit dem blauen Marken- und Kartenkasten, der um die Schulter gehängt zu tragen ist, in Zoppot auf Strandtour geschickt.In ganz kurzer Zeit war der blaue Beamte

eine unentbehrliche Erscheinung zwischen
Strandkörben und Ruhebänken.

Ist es wirklich nur der Bedarf an Marken und Karten, der die Strandkorbinsassen am Vormittag, wenn der Beamte gewöhnlich aufzutauchen pflegt, schon ungeduldig werden läßt ? Immer häufiger wird nach der blauen Uniform Ausschau gehalten, mehr wohl aber noch nach dem stets freundlichen Gesicht ihres Trägers, der für alt und jung neben den Wertzeichen stets ein vergnügtes Lächeln und ein nettes Wort vorrätig hat. Durch ihn und wohl mitunter auch ihm zuliebe wird manche Karte geschrieben, die eigentlich gar nicht geplant war.

Seitdem die Briefmarken und Postkarten den Sommergästen sozusagen "ins Haus" gebracht werden, ist die Schreiblust in der Tat gestiegen. Man sage nicht, die Karten würden auch ohne diese Einrichtung geschrieben. Ein Teil gewiß... aber viele nicht, weil bekanntlich die Bequemlichkeit das oberste Gesetz des Strand- und Ferienlebens ist. Ein Gang zur Poststelle - und sei sie auch in nächster Nähe am Strand - ist bereits eine gern vermiedene Unbequemlichkeit. Wenn aber

der Beamte mit seinem blauen Kasten
auftaucht, denkt der größte Faulpelz unter der Sonne:
"Bin braungebrannt am ganzen Leibe",
Ich jetzt an Tante Minna schreibe.

Karten- und Markenverkauf ist jedoch nicht die einzige Aufgabe des Strandbeamten. Er ist zugleich ein wandelndes Auskunftsbüro in allen postalischen Fragen. Reichsdeutsche Gäste müssen sorgfältig aufgeklärt werden, was ein Brief kostet, auf daß nicht "weiße Möwen" ohne genügende Frankierung den Strandkorb verlassen. So gibt es mancherlei Postwichtigkeiten, die man wissen will und muß. Voraussetzung: daß auch der Postbeamte auf dem Posten ist.

Wenn das mittägliche Kurgartenkonzert beginnt, verlegt der Beamte sein Geschäft in den Kurgarten. Am Nachmittag hält er sich dort wieder auf, geht häufig die Kurhausterrasse und die Seestegplatte entlang, kurzum zeigt sich überall dort, wo Menschen sitzend süßes Nichtstun genießen;

zu einem kleinen Schrieb in aller Muße immer bereit. Aber mitunter dauert es eine ziemliche Weile, bis sich der Mann durch Tisch- und Stuhlreihen durchgekauft hat, immer wieder ange-halten mit ernsthafter oder neckischer Titulierung: "Herr Postbeamter, Herr Fliegender, Herr Postdirektor" oder gar als weitere Steigerung des lachend quittierten Scherzes: "Herr Schaffner, mir auch ein Flugbillett."

Mit dem sinkenden Tag endet im allgemeinen die Tätigkeit des wandernden Postverkäufers. Doch an ereignisreichen Abenden, wie dem Großen Donnerstag oder der Feuerwerksnacht, kommt er selten vor zehn Uhr aus dem Kurgarten weg, beladen mit vielen versandbereiten Karten, die man ihm der Einfachheit halber gleich zur Beförderung anvertraut hat.

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Rundschreiben 165, Literaturbeilage 961, Günter Deinert, Juni 1994, Seite 1.


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Added: 08/11/2015
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