Briefmarken-Spezialprüfer

Wenn man pessimistisch wäre, könnte man fast annehmen, die „Briefmarken-Rundschau“ habe in ein Wespennest gegriffen, als sie erstmalig in Ausgabe 45 das Markenprüfungsproblem kurz und sachlich beleuchtete und zur weiteren Erörterung stellte. In der Redaktion der „B.R.“ sitzen aber im Vertrauen gesagt, keine Schwarzseher, sondern nur philatelistische Optimisten, die zu allen Zeiten der, schon früher oft totgesagten Briefmarkenkunde noch ein langes und rüstiges Leben prophezeit haben.
Die Menge der Zuschriften wächst von Tag zu Tag. Wir möchten aber feststellen, dass es weit eher „nützliche Bienen“ sind, die nun in unermüdlichen Fleiß uns weitere Anregungen zu diesem Thema herbeischaffen. Sie sind ein Beweis dafür, welch großes Interesse diese philatelistische lebensnot-wendige Frage überall in Danzig, im Reich, ja im Ausland ausgelöst hat.
Heute nun greifen wir ein Gutachten und praktische Ratschläge heraus, die uns von holländischer Seite zugehen, und zwar schreibt uns ein sehr geschätzter Korrespondent:
„Ihre Anregung einer Prüfungskommission, d.h. eines Sonderausschusses von 3 – 4 Spezialprüfern geht auf den Kern de Sache ein und ist ungemein beachtenswert. Über den Nutzen einer solchen Sachverständigen-Kommission zur Prüfung von Postwertzeichen der Sammler- und Händlerwelt sind weiter keine Worte zu verlieren. Das ganze Gebiet ist eher so riesengroß und so umfangreich, dass eine zufrieden stellen „Beackerung“ nur von einer untereinander in Verbindung stehenden Gemeinschaft tatkräftiger Vereine in Angriff genommen werden kann. Auch hier muss aus praktischen Rücksichten in erster Linie der Spruch gelten: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Infolgedessen sollte ein einzelner Verein oder mehrere Lokalvereine einer Stadt sich anfänglich nur auf ganz begrenztem Gebiete (also z.B. die Postwertzeichen Danzigs) beschränken, um anerkannte und praktische Erfolge zu zeitigen. Die Anzahl der wirklich erfahrenen Prüfer einzelner Gebiet, ist erfahrungsgemäß selbst in einer Großstadt nicht immer so groß, dass man vor gewissenhafte Prüfer an einem Ort sind besser als ein Dutzend mittelmäßiger in verschiedenen Städten, wenn es gilt eine auch praktisch arbeitende Kommission zu bilden.
Auch in Holland ist die Sache u.a. bei der Gründung unseres „Bonds“ von Briefmarkensammler-vereinigungen, bereits zur Sprache gekommen, hat aber leider keine Ergebnisse gezeitigt.
Nur in England ist man auch hier, den übrigen Ländern schon voraus, da es in London ein Royal Expert Komitee (Königliche-Sachverständigen-Kommission)gibt, die in Markenprüfungsangelegen-heiten hervorragendes Ansehen genießt und deren Entscheidung in der angelsächsischen Welt für maßgebend erachtet wird. Es gibt ja leider, wie in der „B.R.“ schon erwähnt wurde, eine Anzahl einzelner Prüfer, die weniger in wissenschaftlicher Weise vorgehen, sondern ihr Urteil mitunter von allerlei äußerlichen Umständen abhängig machen. Vielleicht ist Ihnen der Fall es verstorbenen seinerzeit als Prüfer viel gerühmten Herrn Schlesinger in Berlin bekannt, der einen Satz eingesandter Briefmarken als falsch erklärte, dann sofort sein Urteil berichtige und die Marken mit seinem Echtheitsstempel versah, als einer der größten holländischen Briefmarkenhändler ihm erklärte, die Marken wären echt.
Jeder Prüfer, sowohl Sammler wie Händler, kann übrigens Spezialstudien nicht von allen, sondern nur von einigen Ländern machen, die ihm besonders interessieren, und nur auf diesem Gebiete hat dann sein Urteil Gewicht.
Eine Prüfungskommission, die ehrenhalber von einem Verein eingesetzt wird, hätte zuerst Sorge dafür zu tragen, dass ihr ein möglichst umfangreiches Vergleichsmaterial ihres besonderen Spezial-gebietes in unzweifelhaft echten Stücken (bei modernen Marken möglichst solche, die von der obersten Postverwaltung direkt zu Verfügung gestellt werden) jederzeit zur Hand ist. Niemand, der auf den Ehrennamen eines Philatelisten Anspruch macht und der in die Kommission gewählt wurde, wird sich auch weigern, seine eigenen, echten Briefmarkenschätze zu Vergleichungszwecken zur Verfügung zu stellen.
Sehr wichtig ist aber auch die finanzielle Seite der Frage, die etwa nachdem Muster „Royal Society“ geregelt werden könnte. Für alle Postwertzeichen, die geprüft werden sollen, wäre eine angemessen große Gebühr zu erheben, und das aus den einlaufenden Geldern angesammeltes Kapital müsste nach Abzug der Geschäftsunkosten für Stempel Photographien, Papier, Porto ausschließlich dem Zwecken der Prüfungskommission zugute kommen. Letzteres könnte dafür u.a. eine sehr nützliche Sammlung von Falsifikaten, die oft teuer bezahlt werden müssen, einrichten einschlägige Photo-graphien und Reproduktionen echter und falscher Marken erwerben und sich für einen Teil der Gelder die neuesten technischen Hilfsmittel eines Prüfers, die so kostspielig für den einzelnen sind, verschaffen.
Wenn ein Verein die Sache in die Hand nehmen will – und ich hoffe sehr, dass sich in Ihres sonst so rührigen Freien Stadt Danzig zuerst ein geeigneter Verein dafür findet -, so wird man vor allem unter den vorhandenen Kennern des gegebenen Spezialgebietes sorgsam Umschau halten müssen. Dann hängt alles von der Anzahl der Prüfer ab, die sich uneigennützlich bereit erklären, an der viel-leicht persönlich wenig dankbaren und mühevollen, an der großen Sache mitzumachen.

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