Die letzte Ausgabe der Danziger Marken

von
Th. Reimann

Seit Ausgabe von Danziger Marken überhaupt war das Danziger Publikum vor der Ausgabe neuer Marken, durch die Presse über den Tag der Ausgabe benachrichtigt. Die letzte Ausgabe der Marken erschien ohne genauere Ankündigung des Ausgabedatums, war aber trotzdem in wenigen Stundenausverkauft. Es traten daher an den Postämtern ganz eigenartige Erscheinungen zutage, die ich hier einmal näher beschreiben möchte.
Welche Gründe die Postverwaltung dazu bestimmten 2, 2 ½, 3 und 7 ½ Pfennig-Marken in den Verkehr zu bringen, in einer Zeit, in der diese Marken einzeln gar keinen Frankaturwert besitzen, mag dahin gestellt bleiben. Brachte man sie aber in den Verkehr, dann mussten mindestens so viele Marken vorhanden sein, dass jeder Käufer derselben so viel erhielt, dass er damit auch einen Brief frankieren konnte. Das war jedoch nicht der Fall.
Die Beliebtheit, der sich die Danziger Marken in Sammlerkreisen erfreuen, brachte es mit sich, dass diese gebrauchten Werte ganz besonders gesucht wurden. Endlose Polonaisen an den Schaltern geben davon Zeugnis. Wie herbe war die Enttäuschung, als jeder Käufer nur eine Marke (der kleinsten Werte) erhielt; eine geradezu gereizte Stimmung des Publikums machte sich bemerkbar, als nach etwa 2 Stunden an den Schaltern ein Aushang erschien, der bekannt machte, dass 2, 2 ½, 30 und 50 Pfennigmarken ausverkauft seien, obwohl diese Werte nur in einem Stück jeder Sorte abgegeben wurden. Im günstigsten Falle konnte man nun nach stundenlangen Anreihen eine Marke zu 3, eine zu 7 ½ und beliebige Mengen zu 40 und 80 Pfennig erhalten.
Ob es seitens der Post berechtigt ist, für eine 7 ½-Pfennig-Marke 8 Pfennig zu nehmen, soll hier nicht untersucht werden; es muss jedenfalls aber richtiger gewesen, den Verkauf der 7 ½-Pfennig-Marke einzustellen, sobald die 2 ½-Pfennig-Marke ausverkauft war, oder man hätte nunmehr 2 Stück zu 7 ½ Pfennig abgeben müssen. An einem Postamt erhielt man sogar die kleinen Werte über-haupt nicht, wenn man nicht auch die noch vorhandenen höheren Werte kaufte. Auch dieses trug viel dazu bei das Publikum zu reizen, und der Unmut mach sich in Ausdrücken bemerkbar, von denen ich hoffe, dass keiner der Herren der Stadtverwaltung sie gehört hat. Soviel von meinen Betrachtungen, die das Publikum betreffen. – Stellten sich bei der Ausgabe der ersten Danziger Marken unliebsame Zustände ein, so konnte man das darauf zurückführen, dass die Danziger Post-verwaltung von der Reichsdruckerei in Berlin abhängig war. Die Herstellung der letzten Ausgabe vollzog sich aber in Danzig und man hatte dadurch die Möglichkeit, die sich bei ersten Ausgabe zeigenden Übelstände dagegen zu vermeiden. Das Gegenteil davon trat ein. Laut Bekanntmachung im „Postnachrichtenblatt“ wurden ferner die Werte 60 Pfennig, 1 Mark und 2 Mark (mit einem zum Teil anderen Aufdruck versehen) verausgabt. Am selben Tage, als die letzte Ausgabe in den Verkehr gelangte, prangte in den Schaufenstern eines Zigarrengeschäftes in der Töpfergasse ein ungebrauchter Satz Danziger Briefmarken mit den Werten von 2 Pfennig bis 10 Mark und – man lese und staune – auch mit den Werten 60 Pfennig, 1 Mark und 2 Mark (ungebracht), die nur im inneren Postverkehr verwendet werden sollten. Dieser Satz kostete am Montag 300, am Dienstag 400 Mark und wird heute mit 730 Mark und mehr darüber angeboten.
Es musste ein großer Glücksvogel sein, der solch eine Marke in dienstlicher Angelegenheit erhält, und dann muss sich schon gebraucht sein. Sieht man als Sammler so ein Stück ungebraucht, dann hat die Empfindung, dass es mit dem „inneren Verkehr“ nicht weit her ist und dass man, wenn man Geld hat, auch diese „inneren“ Marken wird bekommen können. Bei all diesen Umständen wird der Sammler den Gedanken nicht los, dass hier auf die Taschen der Sammler spekuliert worden ist. Gegen eine solche Spekulation sind die Sammler aber leider machtlos, weil sie die Marken haben müssen, um die Sammlung vollkommen zu gestalten.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich die weit verbreitete Ansicht entgegen treten, dass die jetzigen unmöglichen Zustände nur auf Sammelwut zurückzuführen sind. Wer sich die Mühe macht und auf den Postämtern den Betrieb an den Schaltern beobachtet, der wird finden, dass Leute dort Marken kaufen, die vom Markensammeln gar keine Ahnung haben. Diese Leute, zumeist Ausländer, verpflichten sich gegen Bezahlung Kinder, die sie von der Straße holen, damit sie möglichst viel Marken aufkaufen, um sie im Auslande mit Wucherpreisen weiter zu verkaufen. Diesen Spekulanten müsste in erster Linie das Handwerk gelegt werden. Es wird dies auf Schwierigkeiten stoßen, aber mindestens wird man es durchsetzen können, dass man an Kinder nicht mehr Marken abgibt, als sie für ihren Bedarf gebrauchen. Zehn Sätze werden das sicher nicht sein.
Um aber auch die Sammler von der Post zu entfernen, wäre es leicht durchführbar, der am Orte befindlichen Sammlervereine so viel Sätze zur Verfügung zu stellen, die sie anmelden, es würde damit der Post und auch den Sammlern geholfen. Es würde damit auch der Schleichhandel gesteuert, denn man kann gerade die Werte, die heute an den Schaltern nicht mehr zu haben sind, zeitgemäß „hintenherum“ bogenweise für den zehnfachen Betrag und mehr erstehen. – Man wird mir entgegnen, dass dann auch die Spekulanten den Vereinen beitreten würden. Um dem vorzu-beugen, möchte ich bemerken, dass in den Vereinen nur Leute aufgenommen werden, die als Markensammler bekannt sind und über die ausreichende Erkundigungen eingezogen werden, ehe sie Mitglied werden.
Diese Zeilen entstanden nicht, um an der Postverwaltung unfruchtbare Kritik zu üben, sondern sie wollen bemüht sein, die Behörde darauf aufmerksam zu machen, wie so manches bei Ausgabe neuer Marken besser zu gestalten ist.

Danzig