Die ersten Original-Marken der Freien Stadt

Es hat lange gewährt, bis die Freie Stadt Danzig endlich eigene Briefmarken erhielt, geplant ohne Ausschreibung einer öffentlichen Konkurrenz am vielverlästerten „grünen Tisch“, gewachsen und fertig gestellt auf eigenem Grund und Boden.
Bisher haben wir uns in Danzig nur mit mehr oder minder schönen Provisorien geschaffen durch Überdruck auf deutschen Germaniamarken, begnügen müssen, die uns der Postbedarf in großer Mannigfaltigkeit und in reichlicher, vielleicht etwas zu reichlicher Zahl, in vielen bunten Farben schillernd, bescherte. Seit Anfang 1920 schon war die Frage eigener Postwertzeichen für Danzig spruchreif. Im Mai desselben Jahres wurde sie brennend, aber erst am 16. Juni erschienen die ersten Überdruck-Provisorien vom 15. November 1920, dem Tage, da die Verfassung der Freien Stadt Danzig wirksam wurde. Bis heute sind wiederum über zwei Monate vergangen, da sich die Ausgabe der schon länger geplanten eigenen Postwertzeichen durch allerlei widrige Umstände, den Buch-druckerstreik usw., immer wieder verzögerte.
Nun stehen wir jedoch unmittelbar vor der Ausgabe der ersten „Original Danziger“ und ihnen sei heute ein Wort der Begrüßung gewidmet.
Wir haben bereits in Ausgabe 3 der „Briefmarken-Rundschau“ hervorgehoben, dass die künstlerische und drucktechnische Ausführung der neuen Marken, letztere besorgt von der Firma Julius Sauer, Danzig, wohl geeignet ist, auch verwöhnteren Ansprüchen zu genügen. Wenn die aus zehn Werten bestehende Reihe, die wir heute in ihren beiden Haupttypen in der Abbildung bringen können, nun an den Schaltern zur Ausgabe gelangen, werden uns auch Nichtphilatelisten, die unsere schönen Marken zum ersten mal zu Gesicht bekommen, darin recht geben, dass es sich endlich einmal um eine Briefmarken-Ausgabe handelt, mit der Danzig auch im Auslande Ehre einlegen kann und wird. Vielleicht sind die einfarbigen beiden Werte infolge der Farbengebung nicht ganz so gefällig wie die übrigen, aber auch sie unterscheiden sich vorteilhaft z.B. von den bisherigen so geschmacklosen Germaniamarken.
Bei der Gelegenheit möchten wir auch noch einige Worte zu den Ausführungen sagen, die von de „Danziger Zeitung“ in ihrer Ausgabe Nr. 22 vom 22. Januar als Zuschrift aus dem Leserkreise veröffentlich wurde- Wir stimmen selbstverständlich mit dem Verfasser darüber überein, dass Danzig jetzt zeigen sollte und musste, was es in künstlerischer Beziehung im Gegensatz zu vielen gleichgültigen oder gar hässlichen Briefmarken anderer Länder gerade der letzten Zeit leisten kann. Es ist aber dabei noch einmal hervorzuheben, dass die jetzigen Danziger Briefmarken-Serie noch nicht die endgültige Danziger Freistadt-Ausgabe darstellt, sondern in erster Linie nur der Erinnerung an das Inkrafttreten der eigenen Verfassung am 15. November 1920 dienen sollte. Für die späteren endgültigen Marken, deren Ausgabe sich wohl noch längere Zeit hinzögern wird, dürfte nach unserer Kenntnis sicherlich für den Entwurf der Zeichnung ein Symbol gewählt werden, das mit Danzig ganz eng verknüpft ist, und das wir mit niemand anders auf der Welt zu teilen brauchen. Bereits im Januar 1920 ist der „Danziger Zeitung“ vom Schreiber dieser Zeilen warm befürwortet worden, dass gerade solche Danziger Bauten wie der Rathausturm, das Krantor usw. in ihrer Darstellung auf Briefmarken geeignet wären, den Ruhm von Danzigs architektonischer Schönheit und aller Pracht in de Welt zu künden und Zeugnis abzulegen von dem Wesen des neuen Staates, der seinen alten Traditionen nachzuleben trachtet.
Die Danziger Kogge, die mit vielen Segeln fährt, ist bei den Vorläufern der endgültigen Ausgabe, der jetzigen Erinnerungs-Serie, aber gewiss ein gutes Symbol der Hoffnung auf glücklichere Tage. Neben diesem alten Schiffe zeigen die höheren neuen Danziger Werte übrigens auch in der Zeichnung nach das Danziger Wappen, was sie speziell als Danziger Freistaatmarken kennzeichnet. Ferner möchten wir dem philatelistisch wohl nicht ganz bewanderten Verfasser der erwähnten Zuschrift darin widersprechen, dass ein solcher Koggentyp gar nichts Neues für Briefmarken sei. Die von ihm Erwähnten Marken der früheren deutschen Kolonien zeigen nämlich keineswegs, wie angedeutet, im Bilde eine Kogge, sondern ein modernes deutsches Kriegsschiff. Auch das Ausland hat auf seinen Briefmarken kein derartiges Schiff als Sinnbild kühner Seefahrt aufzuweisen, es sei denn, dass man die Kolumbus Karavellen auf den bekannten Marken der Vereinigten Staaten oder das moderne Segelschiff auf den ersten Marken von Britisch Guinea, dieser Klasse zuzählen wollte, was aber nicht richtig wäre, da man unter „Kogge“ oder „Kocke“ eben nur die mit Geschützen bestückten Kriegsschiffe der Hansa verstand, die, wie der „Adler von Lübeck“, als Dreimaster getakelt waren und im Durchschnitt etwa 2000 Tonnen groß waren.
Die stolze hochbordige Kogge mit ihren turmartigen mehrstöckigen Aufbauten auf Bug und Heck, die mit geblähten Raa- und lateinischen Segeln die Wogen des baltischen Meeres durchfurcht, möge Bahnbrecher werden einer glücklichen und friedlichen Zukunft Danzigs. Möge sie auch nie in Verlegenheit kommen, von einer Windstille überrascht zu werden, um etwa gezwungen zu sein, sich dann langsam durch „Rudern“ fortzubewegen, sondern mit frischer Prise unter voller Ausnutzung ihrer Segelkraft den hohen Kulturzielen entgegensteuern, die Danzig, wie wir alle hoffen, in naher Zukunft auch für sich wird beanspruchen können.

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