Der volkswirtschaftliche Nutzen des Briefmarkenhandels

von
Freiherr v. Rheinbaben.

Nicht die ideellen Werte, die in der Pflege des Briefmarkensammelsports liegen, sollen hier in erster Linie hervorgehoben werden, sondern der Nutzen, den der Handel mit diesem Sammelartikel der allgemeinen Volkswirtschaft schafft. Wir legen dabei die wirtschaftliche recht verfahrenen Zustände in unserem Vaterlande zugrunde.
Wenn man bei einer Briefmarkenauktion, einer größeren Versammlung usw. die zahlreichen Charakterköpfe und kräftigen Männergestalten sieht, die alle unentwegt ihr Interesse den Feinheiten und Kleinheiten der Briefmarke zuwenden, so ist man leicht versucht, darüber nachzudenken, ob diese intelligenten, reich gestaltenden Arbeitskräfte dem Vaterlande nicht auf einem produktiveren Gebiete von größerem Nutzen sein könnten. Häufig wird diese Frage auch von Außenstehenden aufgeworfen, die sich ganz und gar nicht in die Gedankenwelt des Briefmarkenhandels hineindenken können. Nachstehend wollen wir einige der wichtigsten Gebiete hervorheben, die den volkswirtschaftlichen Nutzen des Briefmarkenhandels in ein besseres Licht rücken.
Der Handel versorgt den Sammler im Inlande mit allen Marken und Bedarfsartikel, für die die Sammlerwelt Interesse und Verwendung hat. Die Anlage von Sammlungen schafft große Werte, die internationale Geltung haben. Es ist gewissermaßen ein Sparfonds, den sich die Sammlerwelt anlegt, und der an seinem Teile zur Vermehrung des Volksvermögens beiträgt. Darüber hinaus-gehend, sind noch andere Vorteile des Briefmarkensammelns nicht zu unterschätzen. Schon die Jugend erweitert durch die Kenntnis der Marken aus aller Herren Ländern ihre Vorstellung von der Welt und den Vorgängen in ihr, und das reifere Alter findet noch anstrengender Tagesarbeit in der Beschäftigung mit den Briefmarken eine wohltuende und nützliche Nervenausspannung innerhalb des Familienkreises.
Der Briefmarkenhandel hat, solange man ihn verfolgen kann, noch immer seinen Mann redlich ernährt. Sofern der Inhaber seinem Geschäft fleißige Arbeit und eine ordentliche Grundauffassung kaufmännische entgegenbrachte. Für die Durchführung des Handels sind eine große Zahl von Hilfskräften erforderlich, und zwar werden häufig gerade einfachere und körperlich weniger kräftige Arbeitskräfte im Geschäft und in der Heimarbeit bei auskömmlichen Arbeitslöhnen benötigt. Viele Beamte und Angehörige anderer Berufszweige können sich durch Sammeln von an sich wertlosen Postwertzeichen aus dem Verkehr usw. und durch Wiederverkauf gelegentlich eingekaufter Marken einen guten, heute bitter notwendigen Nebenerwerb verschaffen, ohne ihre Hauptarbeit zu vernach-lässigen.
Die große Ausdehnung des Briefmarkenhandels wird gerade die Anhäufung der wohlhabenderen Volkskreise ermöglicht. Dadurch fließen namhafte Beträge aus stärkeren in schwächere Hände und wirken sozial ausgleichend. Besonders deutlich tritt dies bei den großen Summen in Einfuhrschika-nen derart drückend wären, dass wir dem steuer und insbesondere an Luxussteuer ständig an den Staat abführt.
Die umfangreiche Sammeltätigkeit erfordert natürlich sehr große Mengen von philatelistischen Bedarfsartikeln, wie z.B. Alben, Tauschhefte, Beutel, Lupen, Pinzetten u.a.m. Unsere Industrie war in diesen Artikeln stets besonders leistungsfähig und vorbildlich und exportierte auch jetzt wieder sehr viel davon ins Ausland. Dadurch erhält eine größere Anzahl von Arbeitskräften gleichmäßige und lohnende Beschäftigung.
Der Handel in Briefmarken ist durchaus International; in Zeiten einer schlechten deutschen Valuta, wie wir sie jetzt durchleben, gehen viele Millionenwerte durch Verkäufe und Briefmarkensammlun-gen ins Ausland und bringen dafür die dringend benötigten fremden Valuta herein. Es werden ferner weit größere Posten deutscher jetzt kursierender Postwertzeichen einschl. der Abstimmungsgebiete ins Ausland gesandt, als von dort ausländische Marken hereinkommen. Auch hier sehen wir alle wiederum den erwünschten deutschen Exportüberschuss.
Schließlich ist der deutsche Briefmarkenhandel das natürliche Bindeglied zwischen den östlichen Ländern und dem Westen. Deutschland wäre als nächster Nachbar der Ostländer zu erzielen, wenn nicht unsere die Erscheinung, die der Briefmarkenhandel an Umsatz frei und unbehelligt einkaufen-den Auslande gegenüber von vornherein wesentlich benachteiligt sind. Für Danzig allerdings liegt die Sache bedeutend günstiger.
Wer sich die Mühe macht, den hier angeregten Gedankengängen zu folgen, wird noch manches andere Nutzbringende finden und an seine Arbeit mit innerer Berechtigung und mit Genugtuung herangehen.

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