Die Preisfrage im Katalog

Wir sind in der Lage, nachfolgenden interessanten Beitrag aus der Feder des technischen Leiters des Michel-Kataloges, der für den Mai-Nachtrag bestimmt ist, schon heute unseren Lesern zu vermitteln. d. Rad.
Über die vielseitigen Arbeiten, die ein Katalog bedingt, wollen wir heute nicht sprechen, sondern uns nur das Kapitel aussuchen, das dem Katalogarbeiter zufällt, ansehen, um gleichzeitig dem kleinen Sammler zu zeigen, dass ein Katalogpreis nie Evangelium sein kann, selbst wenn er es sein möchte. Der Durchschnittssammler vergisst beim Auszeichnen seiner Doppelstücke meist die große Hauptsache, das zwischen Marken und gut erhaltenen Marken ein ganz gewaltiger Unterschied ist – von dem sich der „Horatio-Philatelist“ nur träumen lassen will, wenn er kauft, nicht aber, wenn er seine Dubletten an den Mann zu bringen beabsichtigt.
Nirgendwo gehen die Ansichten der Sammler so auseinander, als wenn es sich um Preise handelt. Aber auch die Ratschläge ständiger, besser Mitarbeiter bringen oft unglaubliche Preisnotierungen heraus, die ein Katalogredakteur, der doch als Notwendigste die Gesamtpreislage berücksichtigen muss, nicht einfach ohne genaueste Nachprüfung hinnehmen darf. Die Hauptsache des Kataloges bleiben eben die möglichst genauen Preisorientierungen – ohne jedwede Interessenpolitik. Der Sammler weiß sich auf seinen Katalog als besten. Schnellsten Führer und Berater verlassen können – und darauf hat er auch ein Recht. Nähme man für alle Sachen beispielsweise nur die Auktions-ergebnisse, so würde man auch einer ständigen Preisherumnotierung nicht hinauskommen, weil selbst der durchschnittliche Sonderpreis oft sehr überboten wird, je möchten sich – die zahlungs-fähigen Käufer einstellen.
Ein noch drastischeres Beispiel aber hat uns die letzte Leipziger Engrosmesse. Mit wenigen Ausnahmen war das diesjährige Geschäft ganz flau und wirkliche wertvolle Marken waren nur zu geringen Preise verlangt; das Ausland versagte vollständig – warum soll man der Wahrheit nicht die Ehre geben? – Auch in den neuesten Marken stellt sich ein verteufeltes Schwanken ein: Wir wollen nur einmal bei den Hochwassermarken-Österreichs bleiben – Verfasser dieses erwarb zur Katalog-notierungen den ersten Satz noch ehe die Marken herauskamen, für einen Engrospreis von über 60 Mark, obwohl ich die Bestimmung der österreichischen Regierung kannte, dass die Marken nur für 180 Kronen abgegeben werden durften – „ bei Strafe“ und wie derartige Scherze noch lauten. – Jetzt haben wir einen Einkäufer dort, von dem die Post selbst schon 250 Kronen verlangt. Also im ureigensten Lage die – wohl absichtliche – Verwirrung um in Warenhauspolitik erst die Käufer anzulocken. Wie verhält sich nun der Katalog – und wie, wenn plötzlich nach zweien gleichartigen Beispielen wieder neue Auflagen gedruckt werden; wenn die Post z.B. nach dem Vorbilde Bayerns selbst dafür sorgt, dass ihre Ausgaben nur noch als Makulatur gewertet werden? Es sprechen beim Sammler auch Valutaschwankungen mit, ich möchte den Sammler und Händler sehen, der nicht mit – Ungarn in die Tinte gerutscht ist.
Über die Kauflust von Marken handelt beim Sammler dann ein anderes Kapitel. Werden sie von dem Ausgabepostamte mit geschickter amerikanischer „Trommelreklame“ angeboten, dann fällt sicher auch ein harmloser Sammler darauf rein, während er andererseits bei einem Allgemeininteresse an einem Ausgabe „millieu“ von selbst kauft. Hier kommt sodann ein weiterer Faktor hinzu, woran die Allgemeinheit meist nicht denkt, die Frage: Steht die Ausgabe im Album? Man kann sich nicht denken, was oft „Sammler“ alles im Album aufgenommen haben wollen; ich nehme hier wieder: Bayern heraus mit seinen ungeschnittenen Sätzen und zitiere hier die Bemerkung eines bedeutenden Leipziger Pädagogen, Studienrats Prof. Lange, der es für eine Sünde hält, dass sich die Sammler mit solchen Zeug einwickeln ließen. Er hat leider nur zu recht. Wenn ein Sammler eine Schwindelausgabe nicht in seinem Sammelbuche findet, taugt das Album nichts, dass er es aber ist, der dadurch die Postausgabestellen anreizt, neue Fabrikate auszuklügeln gedenkt, er nicht. Einzig und allein tragen die Sammler die Schuld, dass sich von den Postausgabestellen ausplündern lassen. Ganz erbost schreibt der eine, der Katalog sei unvollständig, weil die „polnische Königsserie“ darin fehle – um ihn der Übervorteilungen zu schützen, müssten die Katalogheraus-geber nun auch eine solche Reihe mit Handelspreisen anführen, sie im Katalog wenigstens erwähnen – nur zum Schutze des Sammlers! Aber über Ausgaben, die nicht in das Album gehören, überlasse man den Fachredakteuren das Urteil im Interesse der ganzen Sammlerwelt, für die Redak-tionen der hauptsächlichst in Frage kommenden Alben sind kaum geeignetere Personen zu finden.
Doch zurück zu unserem Thema. Bei allen Marken, um die es sich in der Hauptsache handeln wird, kann nur einheitlicher Grundpreis eingestellt werden, das ist der Katalogpreis für Stücke, die die Zensur 1 verdienen. Für Liebhaberstücke, auf denen man etwa mit einem Automobil auf dem Rande herumfahren kann, für Stücke auf Brief müssen naturgemäß höhere Preise gezahlt werden. Aber ebenso müssen Marken niedriger angeboten werden, die diese Zensur nicht verdienen – und das sind leider die meisten, denn Glanzstücke pflegt man nur noch selten zu verkaufen, nachdem der edle Stand derer von Hamsterer auch in der Philatelie recht feste Wurzeln gefasst hat. Die Entwertung muss prozentual erfolgen, je nachdem die Stücke ein modernes Schönheitspflegeinstitut durchliefen, oder gar einige Wochen in einem Portemonaie herumgetragen wurden. Die Entwertung wird durch die verschiedenste Ursache herbeigeführt: Druck – dünne Stellen – Flecken – Risse – Flickereien – Zahnlücken – Verschneiden – Verbleiben – Verstempelungen – Tintenentwertung – Farbstiftstriche – Verstempelungen – Rasuren und anderen Schönheitstäuschungen, die die Marken entwerten bis zur Zensur 5. Dann kommt bei angebrauchten noch die leidige Gummierung hinzu. Die Parole, nur ungummierte Stücke zu sammeln, ist freilich zu beachten, oder es bleibt doch nun einmal selbstverständlich, dass eine Marke im Original mehr wertet, als wenn man sie einem Eingriff unterwirft, der nicht zu ihrer Natur gehört. Mit allen solchen Vorkommnissen hat ein Katalogherausgeber beim Festsetzen der Preise zu rechnen. Natürlich ließe sich die Blütenlese noch um ein bedeutendes vermehren, aber die wenigen heute angeführten Bespiele erhellen zur Genüge, dass er sich zunächst erst vielseitig informieren muss und sich dann auf Grund eigener langjähriger Erfahrungen als abgeschlossenes Urteil erlauben darf. Daher ist es im Interesse der Allgemeinheit nur zu begrüßen, dass es noch selbstlose Sammler in großer Zahl gibt, die an einem Katalog wie es der Michel nun einmal ist, mitarbeiten, wissen sie doch, dass die anderen Länder dann eine gleiche Sorgfalt in der Bearbeitung erfahren.
Nun noch eine letzte Mitteilung über die Preise im Katalog, die erste Reihe gilt Selbstverständlich in jedem Katalog für ungebrauchte Marken, die man sonst mit * bezeichnet, während die zweite Reihe die Preise für gestempelt bzw. gebrauchte Marken gibt. Ist bei Ausgaben mit kleineren Unterschieden – meist als A und B bezeichnet – nur eine Preisreihe zu finden, so ergibt sich bei nur einer Preisbezeichnung, dass die Preise für ungebraucht und gebraucht dieselben sind, denn es handelt sich in solchen Fällen meist um Marken, die gebraucht nur selten, nicht selten, sondern zumeist sogar nur mit Gefälligkeitsstempel im Handel vorkommen. Viele Sammler werden einwenden, dass diese Bemerkung nicht nötig wäre. Demgegenüber möchten wir vorhalten, dass uns viele Anfragen solcher Art zugehen, dass man oft sogar gut täte, statt Briefmarken-Katalog zu schreiben noch hinzuzusetzen, wie das im Mittelalter so Mode war: „Dies ist ein Buch für diejenigen, so Briefmarken sammeln, worinnen alle Marken zu finden sind, wer aber Manufaktur-waren sucht, möchte einen anderen Wegweiser sich suchen!“

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