Eklektizismus beim Markensammeln

Eine Anregung von
M.Büttner, Berlin

In der Philosophie nennt man Eklektizismus bekanntlich das Verfahren, aus den vorhandenen Methoden, Anschauungen und Richtungen das am besten, wahrsten und passendste Erscheinende auszuwählen und zu einem neuen System zu vereinigen. Warum sollte sich dieser philosophische Begriff nicht auch aufs Briefmarkensammeln anwenden lassen? Auslese scheint doch unter den heutigen Umständen, angesichts der stetig zunehmenden Hochflut von neuen Markenausgaben, der einzige Weg zur Rettung aus dem drohenden philatelistischen Zusammenbruch. Die Dingen liegen doch heute so, dass das Sammelwesen in der gegenwärtig üblichen Form auf dem besten Wege ist, sich selber das Grab zu schaufeln, im eigenen Fett zu ersticken, wie man zu sagen pflegt. Vor kurzem hat bereits Karl Bohnert im „Illustrierten Briefmarken-Journal“ mit Recht auf die aus dem gefährlichen Markenüberfluss drohenden Gefahren hingewiesen.
Wie mancher kleine Sammler und Anfänger hat schon, als man ihm den dicken Folianten des neuen Senf-Kataloges zeigte, mutlos die Flinte ins Korn geworfen. Der neue Katalog umfasst bereits etwa 50 000 verschiedene Marken. Seit seinem Erscheinen sind zahlreiche neue Ausgaben hinzugekommen, unausgesetzt arbeitet, ähnlich wie bei uns die Notenpresse, in so ziemlich allen Ländern die Markenpresse und überschwemmt die Sammler mit neuen Ausgaben. Hinzu kommen ferner die ungezählten Provisorien, Überdruckmarken und lediglich spekulativen Ausgaben, die in boshaftem Verein einen großen Teil der Sammler zur Verzweifelung treiben und zugleich die Philatelie selber immer mehr in den Ruf der Pedanterie. Kleinlichkeit und Kindlichkeit dringen.
Zum Teil ist diese Diskreditierung nicht ganz unberechtigt. Eine neue „Jagd nach dem Glück“, nach einem papiernem Stück, hat eingesetzt. Ein großer Prozentsatz der heutigen Sammler jagt fanatisch hinter jeder unwesentlichen Neuheit, jeder noch so problematischen Eintagsfliege, jeder winzigsten Abart mit wahrhaft bürokratisch-pedantischer Gründlichkeit her, als gehe es um das ewige Seelenheil. Mit anderen Worten: er bleibt eingebunden, an kleinen Äußerlichkeiten kleben, sieht nur bunte Oberfläche, ist womöglich noch dazu vom Vollständigkeitsteufel besessen und muss daher bei solcher Geistesverfassung bzw. Sammelauffassung naturnotwendig sein Leben lang unbefriedigt und unersättlich durch das riesige Labyrinth der Philatelie irren.
Aber auch der mittlere Sammler, der Nicht-Spezialist der vollständiger Sätze und des „Immer-alles-haben-müssens“ könnte heutzutage, wenn er in jeder Nummer seines Fachblattes die förmlichen „Armeen von Neuheiten“ aufmarschieren sieht, den Mut verlieren und meinen, er leiste Sisyphus-arbeit und schöpfe in das Fass der Danaiden.
Auslese, Beschränkung, Reform, Eklektizismus muss also heute die Parole lauten! Und hierfür möchten diese Zeilen in Ergänzung der Ausführungen K. Bohnerts, noch eine Anregung geben. Mit bewundernswert reicher Phantasie, Vielseitigkeit und Kunstfertigkeit hat der menschliche Geist seit Jahrzehnten durch tausend Künstlerhände die winzigen, zierlichen Bilderrahmen, die mir trotz alledem so lieben, mit westensvollem Inhalt erfüllt, mit bunten Gestalten belegt! Aber ist es darum lebensnotwendig, dass wir von jedem Markenmotiv, jedem abgebildeten Gegenstande krampfhaft alle existierenden Werte sammeln, dass wir unbedingt den vollständigen Satz haben müssen, auch wenn sich dessen einzelnen Marken bei völlig gleicher Zeichnung nur durch die Wertziffer und in der Farbe unterscheiden? Zählen haben wir ja in der Schule so leidlich gelernt, und die – sei sie noch so hübsche – bunte Farbenwirkung können wir ja in jedem Tuschkasten oder, wenn wir „moderne Kunst“ verehren, auf jedem Produkt unserer expressionistischen November-Maler genießen.
Aber nicht dieser farbige Abglanz, der äußere Schein der Dinge sollte doch dem ersten Sammler die Hauptsache sein, sondern das inner Wesen, die Vertiefung in dem Sinn, in die Markenseele! Was spricht die Marke, was erzählt sie, was zeigt sie uns? So wollen wir sie zuerst fragen, so soll sie unsere Phantasie befruchten! Dann erst, in weiten Abstand davon interessiere uns alles übrige. Was sie gekostet, wie die Farbe ist, warum sie heller, dunkler, geschnitten, gezähnt – das alles überließen wir am liebsten den Schwerfälligen, den Erdgebundenen, den Materialisten, den Materialisten, den Gründlichen, den Pedanten!
Man merkt schon, wohin diese Philippika steuern will. Von Massenwahn und Vollständigkeitswut möchte sie heilen und dafür das Lob des Markenindividualismus verkünden. Nicht ellenlange Sätze mit denselben langweiligen Gesichtern und Zahlen – die Vielgestalt, der bunte Wechsel des Lebens ist auch in der Philatelie unser Ziel. Varietas delektat! Möglichst viele verschiedenartige Marken-motive zusammenbringen, sollte also das neue Programm für unsere jungen Sammlernachwuchs lauten. Oder aber, auf eine kurze Formel gebracht: Weniger Materie, mehr Geist – weniger Pedanterie – mehr Phantasie!

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Danzig