Das Zünglein an der Waage

von
Georg Janek, Beuthen O.S.
I.
Ein Vorschlag

Jeder denkende Kopf in der Philatelie ist sich wohl im klaren darüber, dass eine große Reform vonnöten ist, die den Erscheinungen der neuesten Zeit Rechnung trägt. Man hat den alten Karren gemächlich weiter geschoben, auch auf schwankenden Boden der letzten Jahre, und nun sitzt er fest.
Es muss einmal gesagt sein: Niemand war auf etwas Neues vorbereitet, jeder wurstelte weiter? Spät, sehr spät wagten sich Stimmen hervor und nur sehr schüchtern. Man fürchtete sich, den Schaden offen zu zeigen, den Deckel von dieser Büchse der Pandora zu haben. Indem man wähnte, das Übel nur zu vergrößern. Ich habe kürzlich an dieser Stelle die Auswüchse der Neuheiten-Philatelie beleuchtet; ich will, daran anschließend einen Vorschlag machen, der versucht, das Böse an der Wurzel zu fassen.
Welche Wege hat man bis jetzt eingeschlagen, um neue Möglichkeiten zu schaffen? Man sagte: Werde Spezialist. Diese Leute haben sich schon früher bewährt. Du sammelst ein Land oder ein Ländchen, da kannst du dich vertiefen, ungestört, und alles andere geht dich einen Quark an. Oder: Sammle von jedem Satz nur ein Exemplar mit dem typischen Bildzeichen. Du weißt, wie die Marke aussieht und es kann dir gleichgültig sein, ob du noch zehn oder zwanzig von der gleichen Sorte daneben hast, das besorgt schlimmstenfalls deine Phantasie auch. Mang schlug von sehr schätzens-werter Seite vor, nach den großen Zeitperiode zu sammeln, die der geschaffen hat. Jeder Sammler bilde sich über diese und ähnliche Erwägungen sein Urteil selbst.
Wenn man bedenkt, dass des Pudels Kern letzten Endes in dem Missbrauche der Briefmarke zu Spekulations- und Geldbeschaffungszwecken liegt, so ist es doch das einfachste, auch den Hebel anzusetzen, oder vielmehr den Besen. Diese Ausgaben, die die früher so reinen Gewässer zu einer Kloake versumpft haben, für sie ist kein Platz in unserem Album! Wozu haben wir die philatelis-tische Wissenschaft und Literatur? Vielleicht findet sich der Mann, der unbeirrt und streng unter-sucht, was Weizen und was Spreu ist.. Es ist keine letzte Aufgabe. Gewissenhaft und mit viel Takt ist hier jede Ausgabe auf die Waage zu legen und zu prüfen. Wir wollen nicht gar zu grausam sein. An erster Stelle als Gruppe I kommt die postalisch-unbedingt notwendige Marke. Als zweiter Stelle alle Jubiläums-, Verfassungs- und Erinnerungsmarken. Zuletzt die Rote-Kreuz-, Hochwasser- und Abstimmungsmarken. Alles, was übrig bleibt und wofür sich keine genügende Erklärung finden lässt, ist ein für allemal erledigt. Aber wie würde sich das Chaos lichten! Es unterliegt keinem Zweifel, wie ferne Staaten abschneiden würden, die sich rühmen, von ihrem Markenausgaben zu leben. Macht die Briefmarke wieder zu dem, was sie früher war und was sie ist, zum Postwert-zeichen! Gewiss hat sich auch ihre Zahl stark vermehrt, aber sie ist zu bewältigen. Und vor allen Dingen, es wäre erst wieder einmal Luft. Und für die Zukunft dürfte ein ganz gewaltiger Riegel vorgeschoben sein. Man würde den Sammler wieder respektieren und nicht als einen Mann betrachten, der nur dazu da ist, um geneppt zu werden.
Das ist der Nachteil des Systems, dass es sich mehr auf den ersten Schlag verwirklichen lässt. Umfangreiche Forschungen würden nötig sein, eine Korrespondenz müsste angebahnt werden, die bis in die Staatsarchive hineinführte. Und ohne Zweifel würde sich der Mann, der sich getraute, diesen Augiasstall auszuräumen vielfacher Anfeindungen aussetzen. Ich fürchte, er wird sich nicht finden. Träte er auf (und wer würde ihn von Sammlern nicht unterstützen), gewänne er Boden und Popularität, er wäre stark genug, auch die Kataloge in sein System zu zwingen. Viele würden ihm Dank wissen. Insbesondere wenn alle Untersuchungen knapp und klar in einem Werke gesammelt erreicht.
Wir haben es ja an den Entwicklungen der Notgeldindustrie gesehen, wohin es führt, wenn eine bedingungslose Nachfrage alle Hemmungen beseitigt und das Ganze zu einer Farce herabwürdigt. Auch dort sind es kleine Staaten, die „herausgeben“, und es bleibt abzuwarten, wie lange der Rummel auch geht, denn schon interessiert sich das Finanzministerium für diese recht eigenartiges Vorgänge. Für den Philatelisten sollten sie eine Warnung sein und alle die enger zusammen schließen, die das Briefmarkensammeln nichts ähnliches Gefahren aussehen wollen. Und deren werden Ungezählte sein.
In einem folgenden Artikel will ich für meinen Gedanken ein praktisches Beispiel geben.

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Danzig