Moderne Briefschnüffelei – ein Erlebnis.

Ein geschätzter Leipziger Korrespondent schreibt uns:
Ihre Bemerkungen in der „Briefmarken-Rundschau“ Nr. 40 über amtliche Postwertzeichen-Ver-steigerungen in Berlin sind durchaus richtig. Der Staat will verdienen, andere sollen die Steuern bezahlen; wenn dagegen ein „Inländer“, wie wir uns ja hier in Leipzig wohl bezeichnen können, einmal einen Brief z.B. aus Memel bekommt, wie es mir selbst kürzlich passiert ist, und der betreffende Freund legt, um eine Freude zu machen, eine Briefmarke von Memel mit hinein, dann sträubt sich der Staat mit Händen und Füßen gegen die Auslieferung.
Tatsächlich ist mir ein solcher Brief beschlagnahmt worden. Die betreffende Behörde in Berlin, an die ich mich gewandt hatte, erklärte mir, dass die Auslieferung nur erfolgen könnte, wenn ich erstens eine Briefmarkenhandlung hätte, oder zweitens in einem Tauschverkehr stände und Tausch vorher übersandt hätte. Die dritte Möglichkeit, dass jemand einen wichtigen Brief schreibt und aus eigenem Empfinden eine Marke beilegt als Gegenwert für das Rückporto, wurde überhaupt nicht in Betracht gezogen, und auch mein Hinweis, dass die Marke ruhig beschlagnahmt werde könnte und mir wenigstens der Brief ausgeliefert würde, nützte nichts. Der Brief ist trotzdem mit Inhalt beschlagnahmt worden. Es ist schade, dass sich keine Vereinigung bereit findet, einmal dagegen Front zu machen. Es ist doch schließlich ein großer Unterschied zwischen Leuten, die gewerbs-mäßig Marken verkaufen und solchen, die ab und an einmal etwas geschickt bekommen. Glaubt der Staat etwa, dadurch die Einfuhr von Briefmarken einschränken zu können? Ich bin vielmehr der Meinung, dass die Leute, die derartig wertvolle Sachen „einführen“, lieber „mit einer kleinen Hand-tasche nach Köln fahren“, – dann verlohnt es sich wenigstens.
Was derartige Schikanen in Wirklichkeit an Zeit und Spesen dem Bürger wie dem Staate kosten, sei hier übrigens einmal „kaufmännisch“ rekapituliert:
1. Jemand, bis heute unbekannt, schickt aus einem rein deutschen Gebiet (so wird es uns täglich erzählt) nach seinem Stammlande, nämlich von Memel nach Deutschland eine Brief. In dem Briefe liegt eine Marke, Wert unbekannt, vermutlich zur Rückantwort, Benachrichtigung vom Zollamte, dass ein Brief aus Memel abzuholen ist. Bei acht Stunden Arbeitsleistung, Bezahlung 6 Mark je Stunde, entfällt auf den Zollbeamten 10 Minuten, den Eil-Briefträger (!) 15Minuten… 2,50 Mark
2. Um Zeit zu sparen, geht ein Laufboten zum Zollamte (25 Minuten 2,50 Mark
3. Er kommt, ohne den Brief erhalten zu haben, wieder. Der Brief wird geöffnet. Absender war nicht zu erfahren, weil eine „Briefmarke“ im Briefe liegt und nun erst Eine Einfuhrbewilligung vorgezeigt werden muss. Dem Zollamte mitgeteilt, dass zu solchen Spielereien keine Zeit vorhanden: Brief mag zurückgehen. Porto, Material, Arbeit. 2,40 Mark
4. Mitteilung vom Zollamte, Brief kann nicht zurückgehen, da eine „Marke“ darinnen:
soll mich an Außenhandelsstelle wenden, sonst Beschlagnahme. Porto und Arbeit 2,60 Mark
5. Gang zur Handelskammer, Formulare und Zeit 2,00 Mark
6. Brief wegen Einfuhr an A.G.N., Leipzig, Porto und Zeit 1,90 Mark
7. Mitteilung von A.H.St., dass Leipzig nicht mehr zulässig, nach Berlin gesandt, zweimal Porto und Zeit 3,00 Mark
8. Mitteilung von Berlin mit gedrucktem Zirkular: Einfuhr möglich a) wenn ich Markenhändler bin, b) wenn ich tausche, aber schon Material vorher versandt habe. Ein dritter Fall, dass jemand an jemand eine Marke für Rückporto oder sonst etwas mitschickt, darf von Staats wegen nicht vorkommen. Porto und Zeit 2,60 Mark
9. Anfrage beim Zollamt (ob Aushändigung ohne Marke möglich), abgelehnt, denn die Marke liegt im Brief. Absender nach wie vor unbekannt. Zeit und Porto 2,40 Mark
10. Nach 6 Wochen Aufforderung durch den Briefträger, den Brief mit Einfuhr-bewilligung abholen zu lassen, Zeit 1,00 Mark Nach weiteren 5 Tagen feierlich gesiegelte, schriftliche Erklärung des Zollamtes, dass Die „Briefmarke“ dem Reiche verfallen ist, wogegen binnen einem Monat beim Reichswirtschaftsgericht erhoben werden kann! Porto 1,20 Mark
1 Zolloberinspektor 5,00 Mark
1 Einschreibassistent 1,50 Mark
1 Briefträger 0,50 Mark
Summe an vergeudeten Kosten also 32,10 Mark
Nachschrift. Man soll nie ungerecht sein! Nachdem die Beschlagnahme feierlichst erklärt war, erhielt ich durch den Briefträger den Brief unversehrt ausgehändigt. Einlage:1 Briefmarke aus Memel ebenfalls unversehrt, amtlich verzollt. Zollkosten 1 Mark. Von der aufgemachten Rechnung gehen also 1 Mark als Vergütung an das Zollamt wieder ab.
Ich nehme also das Gesagte vollständig zurück und behaupte das Gegenteil.
G.I.

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