Neue Fälschungen von „Danzig-Schrägaufdrucken“

von
Ingenieur Eugen B. Jantzen.

Dass Fälschungen von wertvollen Gegenständen – seinen es Antiquitäten, Banknoten, Edelsteinen, Marken und Münzen – immer noch nette Sümmchen abwerfen kann, haben nicht nur die zünftigen erwachsenen Herren Spitzbuben längst erkannt. Was läge z.B. dem unskrupellösen philatelistischen gelegenheitsmacher näher als die so beliebten Danzig II-Schrägdrucke in der Gesamtauflage etwas „zu erhöhen“?
Wenn’s einer „zum Privatvergnügen“ nur „für sich“ allein im stillen Kämmerlein betreibt“, um etwa seine künstlerische Ader als Buchdruckerlehrling zu betätigen, mag’s noch hingehen. Aber so „ideal“ denkt mancher unserer jugendlichen modernen Genies leider nicht, denn bei dieser Spezial-betätigkeit muss selbstverständlich das Klingendes oder wenigstens was Raschelndes heraus-springen. Also lustig drauf losgefälscht in „Danzig II“. Nebenbei bemerkt, ist nachstehender der dritte Fall „Danzig“, der dem Verfasser vorgelegen hat. Kein Wunder, ist doch mit dem in verhältnismäßig kleiner Restauflage seinerzeit erschienenen „Danzig-Schräg-Aufdruck ein recht aussichtsreiches Geschäftchen für den Fälscher zu machen – wenn er sein Geschäft versteht.
Der Michel-Katalog 1920 verzeichnet für den sogenannten kleinen Satz Danzig II 424 Mark (d.h. die 2, 2 ½, 3, 5, 7 ½, 10, 20, 30, 40, 50 und 80 Pfennig-Marke zusammen), der neueste „Michel 1921/22“ aber schon 567 Mark Prozentual weiter steigend dürfte der kleine Satz in zwei bis drei Jahren also vielleicht auf 800 bis 900 Mark zu stehen kommen.
Aber nun zum neuesten Fall der Danzig-Fälschungen, wie solche dem Unterzeichnenden vor etwa drei Tagen in die Hände gespielt wurden. Ein Danziger Herr B., der weder Markensammler, noch–Händler ist, wohl aber, wie heutzutage so viele Danziger für Söhne und Enkelkinder guter Bekannter im Reiche Danzig-Marken gelegentlich besorgen sollte, der auch wohl etwas vom Werte der Danzig II gehört hatte, kommt zufällig vor einiger Zeit aufs Hauptpostamt. Er will in der Hauptschalterhalle etwas besorgen und gewahrt nach Erledigung seiner Geschäfte eine kleine Gruppe von Leuten, die um einen 12 bis 14jährigen Jungen mit Schülermütze herumstehen und augenscheinlich eifrig schwarze Börsengeschäfte machen. Interessiert tritt Herr B. hinzu und erfährt, dass dieser Junge Danzig II Schrägdruck dort – eine kleine „Konkurrenz“ für die Post in ihrem eigenen Postgebäude – munter verkauft, und zwar immer ganze kleine Sätze von 2 bis 80 Pfennig (ohne die 50-Pfennig-Marke) für sage und schreibe nur 100 Mark! Bei diesem für Sammler geradezu ideal billigen Preise könnte selbst der bekannte dümmste Kartoffelbauer sein Geld wohl nicht besser anlegen, denn märchenhaft verzinst sich das Geld bei solch billigen Sätzen.
Und es wurde gekauft, rasend gekauft, so dass mein Gewährsmann zum Ankaufe solch schön-billiger Ware leider so ziemlich zu spät kam. Denn der letzte Satz wanderte soeben nach gegenseitiger Feilschen in die Brieftasche eines Herr in den besten Jahren. Der so stürmisch begehrte liebe konnte der starken Nachfrage nach Ware nur noch durch Abgabe einer einzelnen gestempelten 10-Pfennig-Marke begegnen: er erklärte aber, zu Hause noch eine Reihe von Danzig-Sätzen zu haben. Herr B. war natürlich hocherfreut über diese Botschaft und gerne bereit, gleich mitzugehen, um dort zu Hause bei dem Herrn Jungen die Marken in Empfang zu nehmen. Diese Eröffnung des Herrn B. schien dem geschäftstüchtigen Jüngling doch nicht opportun. Er ging zwar brav bis zur Ausgangstür mit, war dann aber wie ein Blitz um die nächste Straßenecke verschwunden, leider ohne seine Adresse zu hinterlassen.
Die 10-Pfennig-Marke blieb aber, wie weiland der berühmte Rückzipfel in Frau Potiphars Hand, in den Händen von Herrn B. glücklicherweise, ohne dass dafür die vereinbarte 5 Mark erlegt waren. Ganz verdutzt ob dieses tragischen Ausganges ging B. geknickt nach Hause. Immerhin aber in dem Bewusstsein, wenigstens etwas ganz billig erworben zu haben. Doch auch diese Freund war leider nicht ungetrübt; dann als dem Verfasser dieses Artikels die besagte Marke zur Begutachtung vorge-legt wurden, entpuppte sie sich als grobe Fälschung. Ein Laie aber auch schon ein Markenkenner, der zum Vergleich nicht sofort ein echtes Stück zur Hand hat, dürfte aber jedenfalls fast stets auf derartig staunend billige kleine Sätze Danziger reinfallen und sein gutes Geld loswerden.
Zum Nutz und Frommen derjenigen, die nicht alle werden und die immer nur ganz billig Marken kaufen wollen, sei die Fälschung der 10-Pfennig-Marke hier beschrieben.
Die erwähnte rosarote 10-Pfennig-Marke ist gestempelt, jedoch wohlweislich nur Fälschung ein ganz leicht entwertetes Exemplar ausgesucht, bei dem nur knapp ein Viertel der jetzt gebräuchlichen Brückenstempel (hier die Brücke genau waagerecht stehend auf der linken Seite der Marke sichtbar ist. Ortsbezeichnung oben ist bis auf dem letzten Buchstabe eines N und dahinter ein Bindestrich nicht erkennbar. Vom Datum steht nur eine „6“ als letzte Ziffer, also augenscheinlich stammte die einfache 10-Pfennig-Marke von einem 1906 entwerteten Schriftstücke. Das untere Segment der neueren Bückenstempel pflegt entweder Angabe des Postamtes und Schalternummer (z.B. * 1 k) oder Vorortbezeichnung z.B. Schidlitz resp.Gemeinde z.B. Kr. Danziger Höhe) zu enthalten. Die zum Vergleiche vom Verfasser herangezogenen Stempel von Orten im Freistaat Danzig mit einem N als Schlussbuchstaben z.B. Steegen, Hohenstein, Grebin usw. haben abweichende Drucktypen, also könnte der Kenner schon allein daraus die Fälschung erkennen. Nun zum eigentlichen Aufdrucke richtiger der Aufmalung auf die 10-Pfennig-Marke, dann tatsächlich ist diese mit Tinte aufgemalt oder Ausziehtusche aufgemalt. Das Wort Danzig in Lettern in einer Kombination zwischen Rund- und Schreibschrift weist folgende Fehler gegenüber den Originalen auf:
Das obere Kreisbogensegment des großen Anfangsbuchstaben D (gerade über der Spitze des S-förmigen Aufstriches) ist dünn und der rechts flache Kreisbogen ist dick beim Original fast horizontal verlaufende kleine Fußstrich des D verläuft bei der Fälschung in den rechten aufsteigen-den Segmentbogen; so dass also unten eine deutlich sichtbare scharfe Spitze entstanden ist (bei dem Original ein breiter weißer Zwischenraum). Das a ist im Verhältnis zur Breite zu hoch geraten, hat zu dünne Abstriche. Ebenso ist das zu hoch und dünn. Beim z wiederum ist das obere Häkchen zu dick (beim Original aus Punkt mit dünnen, gebogenem Striche bestehend), während umgekehrt die untere ovale Schleife bei der Basis des Wortes Danzig dünn anfängt und nach unten ganz dick aus-zulaufen (beim Original gerade das Gegenteil!) Das i ist ziemlich gut gelungen, nur im ganzen zu lang: das G dagegen ist in der ganzen Form etwas zu breit geraten und in der letzten langen Abwärtsschleife etwas zu krumm und viel zu dünn. Ein recht böser Reinfall ist dem Herrn Fälscher-lehr“jungen“ aber noch zum Schluss widerfahren, als da ist: Der am Fuße der Marke zum Ausblockieren des Wortes „Deutsches Reich“ befindliche Balken ist fast ein Millimeter zu dick geraten und sieht im Verhältnis zum Worte „Danzig“ ebenfalls fast ein Millimeter zu tief.
Was nun die Farbe des Aufdruckes anbetrifft, ist zu bemerken, dass diese bei der Fälschung ein tiefes Grauschwarz von älterer Schreibtinte oder Ausziehtusche ist (beim Original blauschwarze Druckfarbe mit einer Spur Ölzusatz). Da bei der Fälschung der Aufdruck „Danzig“ und der Blockierungsbalken der Hand gezeichnet ist und die mehr spitze sogenannte Zeichenfeder wohl die Papierfasern aufgerissen hat, ist die Farbe auf der Rückseite stark durchgeschlagen. (Rückseitiger Druck bei Originalen oder sogenannten „Abklatsch“ sehen ganz anders aus!) Die enge diagonale Schraffur des Blockierungsbalkens ist zu eng. Beim Original erscheinen meist sogenannte weiße Körnchen ähnlich einem Rasterdrucke, als Zwischenraum der vielen Diagonalstriche ein Zeichen, dass die pulverisierte Farbe verhältnismäßig trocken und etwas ölig mit dem Bindemittel Wasser oder Glyzerin auf die Druckwalze aufgetragen wurde, daher nicht so tief, wie bei rein wässeriger Tinte oder Ausziehtusche in die Papierfaser einziehen konnte. Also, liebe Briefmarkenfreunde, Augen auf beim Kaufe von Danzig-Marken mit Schrägdruck!
Zum Schlusse möchte ich alle reellen Markensammler und Freunde der Briefmarke einmal bitten, ihr Augenmerk auf das Treiben in der großen Schalterhalle des Hauptpostamtes I bei gelegentlichen Gängen dorthin zu richten. Seit langer Zeit wird dieselbe als „schwarze Markenbörse“ benutzt. Es dürfte sich also empfehlen, irgendeinen am Schalter sitzenden Postsekretär zu bitten, durch mehrere möglichst nicht uniformierte Beamte solche Gruppen „schwarzer Markenbörsianer“ unauffällig umstellen zu lassen, damit die Hauptattentäter und „Fälscherkönige“ nicht wieder ausrücken können, um sie endlich zum Segen der Postbehörde und der Sammlerwelt unschädlich zu machen.
Da mir für die verhältnismäßige Güte der Fälschung ein halbwüchsiger Schuljunge doch nicht kunstfertig genug erscheint, dürften vielleicht im Hintergrunde irgendwo dunkle Ehrenmänner arbeiten, die den Jungen nur als Vertreiben ihrer Machwerke benutzten.
Von den Fälschern geschädigte Sammler oder sonstige Interesseenten bitte ich, mir ihre kürzlich erworbenen Danzig-Schrägdrucke-Sätze (gegebenenfalls durch Vermittlung der Redaktion der „Briefmarken-Rundschau“ einzuliefern. Ich bin bereit, dieselben zu prüfen.

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Danzig