Gestempelt oder postfrisch

von
E.
Breil, Frauenburg i. Ostpr.

(Wir gewähren dem nachstehenden Beitrag um so lieber Raum, als er sich in allen Punkten mit der Ansicht der Redaktion der „B.R.“ deckt und dies zeitgemäße Thema einmal erörtert werden muss. d. Red.)
Wenn man die Offertenblätter nach verkäuflichen Marken durchsucht, fällt dem Leser besonders bei Neuheiten auf, dass fast alle Marken angeboten werden a) postfrisch, b) gestempelt.
Das Wörtchen „gebraucht“ ist meist wohlweislich vermieden. Dass es sich bei diesem „gestempelten“ nur um Gefälligkeitsstempelungen handelt, ist jedem sofort klar, der den Preisunter-schied betrachtet. Meistens beträgt der Mehrpreis bei gestempelten bei ganzen Sätzen nur einige Mark, bei einzelnen Stücken oft nur Pfennige. Bei manchen Offerten liest man „für ff. gestempelte Stücke 10 Prozent bei ff. weißen Briefstücken 15 Prozent Aufschlag.“ Wie soll sich nun der Sammler zu diesen ff. gestempelten Marken stellen? Dazu muss man sich nun erst die Frage stellen: „Was soll ich sammeln, gestempelt oder postfrisch, gebraucht oder ungebraucht?“
Jeder Sammler strebt nach Vollständigkeit in seiner Sammlung, soweit es sein Geldbeutel zulässt. Sich nun auf eine bestimmte Art der allen Marken festlegen zu wollen, diese bei den heutigen Preisen sich zu große finanzielle Opfer auferlegen. Um nur gerade ein Beispiel herauszugreifen: Belgien I auf Deutsches Reich 75 Cts./60 Pfennig violett ist ungebraucht noch für 10 Mark zu haben, während dieselbe Marke gestempelt aber 75 Mark kostet. Hier Fanatiker der „nur gestempelten“ Marken zu sein, kann sich nur jemand leisten, der über ungezählte Mengen Papier-geld verfügt. Dazu bleibt dann noch die große Frage offen, ob diese Marke wirklich „gebraucht“ oder nur „gestempelt“ ist. Soll man da nun bloß für die frühere gelegentliche Gefälligkeits-abstempelung gleich 65 Mark mehr bezahlen? Dafür bekommt man doch auch heute noch so manches schönen Satz der in der Sammlung vielleicht ganz fehlt oder nur unvollständig ist.
Was ist überhaupt Gefälligkeitsabstempelung?
Man kauft sich bei einer Postanstalt eines neu herausgekommenen Satz, meistens bekommt man ihn ja nicht (siehe Danzig oder Memel), und bittet dann einen Postbeamten, dies Sachen aus „Gefällig-keit“ hübsch sauber und sorgfältig abzustempeln, damit nur ja nicht zuviel von der häßlichen, schwarzen Stempelfarbe auf das Markenbild kommt. Hervorgerufen sind diese Gefälligkeits-abstempelungen durch die Sucht so vieler Sammler, unbedingt alles gebraucht haben zu wollen. Mit welcher Unkenntnis dieses Abstempeln jedoch ab und zu geschieht, konnte man so recht an der Ausgabe Danzig I beobachten, die von Markenvertriebsstelle des Magistrats Danzig verkauft wurde. Allerdings geschah hier die Stempelung wohl nicht durch Postbeamte. Die hohen Markwerte haben nämlich nur je einen Stempel obwohl doch bis vor kurzem bei den deutschen Postanstalten und auch jetzt wohl noch bei den Danzigern für den abstempelnden Beamten die Pflicht bestand, die Markwerte zweimal zu stempeln, um eine Wiederverwendung von vornherein unmöglich zu machen.
In einer Sammlung sah ich nun ein Stück zu 5 Mark, bei dem der Stempel ganz weit nach rechts gerückt war, so dass vom Wort Danzig nur zwei Buchstaben und vom Datum nur der Tag sichtbar war, alles andere trug das ff. weiße Briefstück. Die Marke hatte nun durch diese Abstempelung nicht gewonnen, im Gegenteil störte dieser schwarz Viertelstempel das Markenbild ganz empfindlich. Und man soll doch nicht bloß Marke auf Marke anhäufen, um sie dann gelegentlich mit möglichst großem Gewinst zu verkaufen, vielmehr soll doch auch durch eine Sammlung das authentische Gefühl gepflegt, bei der Jugend besonders erst anerzogen bzw. weiter fortgeführt werden. Gewiss ruft ein stark verstempeltes Stück nicht das Gefühl hervor, das man beim Anblick eines Kunstwerkes empfindet. Aber ein ff. weißes Briefstück ist doch gewiss schön, wird jemand erwidern wollen. Ich wage jedoch das Gegenteil zu behaupten. Erstens handelt es sich gar nicht um „Briefstücke“. Die Marken werden auf einen weißen Bogen Papier geklebt und nun so vorsichtig abgestempelt, dass mindestens die Hälfte des Stempels auf dem Papier herüber greift. Nun wird die Schere zur Hand genommen, und siehe da, das „Briefstück“ mit recht breitem, weißen Rand ist fertig. Einen wirklichen haben diese Marken auf Briefstück niemals gesehen, dafür bezahlt man aber den Schnipsel Papier mit, hat dann aber noch obendrein den Ärger, dass diese sogenannten Briefstücke kaum jemals in die vorgedruckten Felder der Alben passen. Man muss dann schon zu vordrucklosen Alben greifen oder leere Blätter einheften, was wiederum mit Schwierigkeiten und großen Kosten verknüpft ist, kostet doch für ein Permanent-Album schon jedes leere Blatt mindestens 50 Pfennig.
Durch die Regelmäßigkeit der Anordnung des Stempels, der bei jeder Marke des ganzen Satzes genau auf derselben Stelle sitzt, ergibt die Reihe ein gleichförmig erscheinendes Bild, das nicht förderlich auf das Schönheitsgefühl einwirkt. Ich sah in einer Sammlung einen vollständigen Satz der Jubiläumsdienstmarken von Württemberg vom Jahre 1916. Diese Marken wirken schon an und für sich durch ihre meist blassen Farben, und dadurch, dass für Bezirksbehörden und Staatsbehörden nur je ein Markenbilde verwandt wurde, sehr eintönig und wenig wohltuend. Dieselben Marken aber alle mit demselben klaren gleichförmigen Gefälligkeitsstempel versehen, der, nebenbei bemerkt, für einen Aufschlag von nur 10 Pfennig vom Schalter aus mitgeliefert wurde, erschienen direkt abstoßend. Schon seit 1912 hat Senf in seinem Postwertzeichenkatalogen eine besondere Rubrik für diese Gefälligkeitsabstempelungen eingeführt und in seinem demnächst erscheinenden Katalog 1921 werden alle Preise von Kriegs- und Umsturzmarken mit dem Kennwort Kn versehen, so dass sie ohne weiteres schon dadurch äußerlich als besondere Preise zu erkennen sind, weil es sich in 99 von 100 Fällen doch nur um Gefälligkeitsabstempelungen handelt. Auch Kohl in seinem Briefmarken-Handbuch und großem Katalog von 1915 als vorzügliches Nachschlagewerk, das voraussichtlich leider nicht mehr erscheint, weist in allen in Betracht kommenden Fällen auf Gefälligkeitsabstempelungen hin und setzt die Preise dafür gleich den für ungebraucht, manchmal sogar noch niedriger an. Ein Verfahren, das ich für durchaus berechtigt und angebracht halte; denn die Marke wird durch den Stempel allein nicht wertvoller als die ungebrauchte bzw. postfrische. Nur durch den wirklichen Gebrauch wird eine an und für sich hochwertige Marke veredelt, besonders dann, wenn der Stempel sie nicht verschmiert hat. Das beweisen alle gebrauchten Marken von Altdeutschland und alle anderen alten Ausgaben.
Von der Gefälligkeitsabstempelung bis zum Falschstempel ist nur ein Schritt. Man würde aber den Stempelfälschern recht bald das Handwerk legen, wenn nicht die Sammler darauf erpicht wären, unbedingt gestempelte Stücke in ihrer Sammlung zu haben. Man sammelt doch nicht die Marke des Stempels wegen, abgesehen von einigen „Abstempelungs-Spezialsammlern“, sondern der Marke selbst wegen. Man soll deshalb die jeweils billigste Sorte sammeln, und die ist bei den sich heute überstürzenden Neuheiten jedes Mal die ungebrauchte oder postfrische Marke, da doch der abstempelnde Beamte und der Händler bei ff. weißen Briefstücken für ihre Müheleistung auch bezahlt werden wollen.
Erhält man neben dem ungebrauchten Stück nun noch ein wirklich gebrauchtes, dann wird sich auch hierfür noch ein Plätzchen finden.
Das Modesammeln ist zwar bequem, aber durchaus nicht anzuraten. Mode wird immer über den Wert bezahlt und hängt zum größten Teil von interessierter Stimmungsmache ab. Spekulations-marken der neueren Zeit werden auf die Dauer sich nie durchsetzen können und nie den Sammlerwert erreichen, wie 1.B. die heute leider noch viel vernachlässigten alten Überseemarken. In Deutschland sammelt heute alles Europa und bezahlt dafür zum Teil übertriebene Preise, während Übersee zum Teil noch verhältnismäßig billig zu haben, aber augenblicklich noch nicht in der Mode ist. Das wird sich aber vermutlich nach Erscheinen der neuen Kataloge sehr rasch ändern. Erfahrene Philatelisten tun überhaupt stets sehr gut daran, gerade die Länder zu bevorzugen, die andere vernachlässigen, weil diese Länder gerade nicht „Mode“ sind.

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Danzig