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Gallery » Rundschreiben 122 - 2. Quartal, 1984 » Meine Erlebnisse 1945 - 1946 in Danzig

>> Meine Erlebnisse 1945 - 1946 in Danzig

Ein Stück weiter, ich glaube die Gegend nannte sich Troyl, wurden wir erneut angehalten. Die Frauen und Kinder konnten weiter gehen, alle Männer kamen in Gefangenschaft.

Wir gingen durch die völlig zerstörte Innenstadt in Richtung Schidlitz und Emaus. Von der Karthäuser Straße bogen wir sofort ab in die Weinbergstraße. Die zwei Straßen vor dem Fallk-Hof, und der Falk-Hof selbst standen noch, sonst konnte man von der Weinbergstraße über die Karthäuser Straße bis zur Oberstraße sehen. Es stand nicht ein Haus mehr. Die Gegend um die Kirche war auch total zerstört. Die Mittelstraße, Unterstraße und der Kirchen Weg waren total zerstört. In der Weinbergstraße trafen wir auch die Frau mit den zwei Töchtern wieder. Die ältere Tochter war durchgedreht, sie war praktisch verrückt geworden. Die drei irrten durch die Gegend, sie kannten sich garnicht aus, es waren wohl keine Schidlitzer.

Das Haus Karthäuser Straße 165, in dem eine Tante von mir ge-wohnt hatte, war zwar beschädigt, aber es stand noch. Meine Mutter und ich gingen zu ihrer ältesten Schwester nach dem Nonnenacker. Dort lebten wir die erste Woche auf dem Berg in einer Laube. Jeder versteckte sich so gut er konnte. Später gingen wir dann wieder zur Karthäuser Straße, wo wir bis zur Vertreibung blieben.

Einige Tage später erzählte man uns, daß mein Vater auf Klaaßen Berg lebte. Dort stand ein angefangener Bunker in dem einige Menschen lebten. Meine Mutter holte ihn zu uns, er war schwer verwundet. Sieben Bombensplitter steckten in seinen Armen und Beinen. Als wir uns am 25. März verloren hatten, ist er zum . Sandweg gegangen, zu seinen Geschwistern. Auf dem Wege dorthin wurde er verwundet und schleppte sich zu seiner Schwester. Nach dem Einmarsch der Russen gab es keine ärztliche Versorgung. Trinkwasser gab es in unserer Gegend nur an einer Stelle. In Emaus, gegenüber dem Straßenbahndepot war eine Pumpe.

Nach einiger Zeit kamen Polen nach Danzig. Sie waren sehr verhaßt auf uns Deutsche; Dauernd holten sie Männer aus den Häursern, manchmal auch, Kinder, und nahmen sie mit. Einmal nahmen sie meinen Vater, meinen 10 jährigen Vetter und mich mit. Die Russen haben meinem Vater nichts getan, wenn er seine Wunden zeigte, sie haben ihm allerdings auch nicht geholfen. Diese Polen aber an diesem Tage waren so verhaßt, daß sie ihn mit dem Gewehrkolben schlagen wollten, weil er zu langsam ging. Wir waren ein kurzes Stück gegangen, als uns ein russischer Offizier entgegen kam. Er.hielt uns an und diskutierte laut mit den Polen. Dann kam er zu mir. Ich entnahm seinen Gesten, daß er das Alter von meinem Vetter und mir wissen wollte. Da ich nicht auf den Kopf gefallen war, begriff ich sofort die Situation; nur ein niedrißges Alter konnte uns retten. Ich zeigte dem Russenfür meinen Vetter acht, und für mich zehn Finger. Er schimpfte mit den Polen und sprach dann zu uns. Wir verstanden nur das Wort "Mama" und waren froh, daß wir gehen durften. Mein Vater kam nach drei Tagen zurück. Man hatte die Männer ins Gefängnis gebracht, hinter dem Amtsgericht auf Neugarten. Dort mußten sie drei Tage in kaltem Wasser stehen. Die Wunden Meines Vaters verschlimmerten sich danach immer mehr. Am 22. Juni 1945 ist mein Vater im Alter von 44 Jahren gestorben. Am 26. Juni haben wir ihr eine Wolldecke gelegt und auf dem Friedhof in Emaus beerdigt.

Später brach in Danzig esine Typhus-Epidemie aus, an der viele Menschen starben. Es gab kein Heizmaterial: Alles was brennbar war wurde verheizt und zum Kochen verbraucht. Keine Scheiben in den Fenstern, es wurde sehr kalt.

Am. 5. Februar 1946 fuhren wir mit einem Transport in den Westen.

 

Arge Danzig, Rundschreiben 122, 4. April 1984, Seite 9.


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Added: 01/11/2015
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